Am Havelberger Marktplatz kommt uns der Makler schon entgegen, dicke Jacke und in der Hand eine Gefriertüte voll mit Schlüsseln. Fürs Foto schüttet er sie aufs Pflaster. Ein Kilo ist das mindestens, für jedes Hauptschloß mehr als zehn. Dazu noch diverse für Schuppen, Büro, Keller und was weiß ich was. Wenn wir mal gar nichts mehr zu tun haben, dann probieren wir mal, welcher wo passt. Oder lassen das die Kinder machen, als Schlüsselmemory sozusagen. Auf die Anzahl der Schlüssel gerechnet, haben wir für unser Geld jedenfalls tüchtig was bekommen. Man bedenke: Für einen Traum von Fertig-Haus auf der Wiese vorm Dorf gibt's oft nur drei oder vier dazu.
Der Moment der Wahrheit, ich nehme zum ersten Mal den Schlüssel selber in die Hand, schliesse die Hintertür auf. Unser Haus! Die Vordertür lasse ich für F. wenn er dann da ist. So, liebes Haus, jetzt müssen wir uns aneinander gewöhnen, Freunde werden, die es durch dick und dünn miteinander aushalten. Mal wird der eine, mal der andere nachgeben müssen. Du bist gute 250 Jahre älter als wir, aber wir hoffen natürlich, dass Du mit der Jugend auch nachsichtig umgehst und ein paar unserer Flausen mitmachst. Wir wollen Dir so viel Respekt zollen, wie es irgend möglich ist. Und wie es Sinn macht, damit Du in unserer gemeinsamen Zeit weiter würdevoll altern kannst.
Dann dauert es und dauert und dauert... noch eine schier endlose dreiviertel Stunde, aber dann rumpeln LKW-Reifen auf dem Kopfsteinpflaster die Mühlstraße entlang. Der LKW ist da! Ich winke den drei Jungs zu, lotse sie zum Markt hoch. Herrlich! Wunderbar! Freude! Ich muss nach oben schauen, Freude, ein Tränchen. Unsere Sachen sind da! Am liebsten würde ich das allen rundum zurufen - unsere neuen Nachbarn wissen ja noch gar nichts von ihrem Glück. Wieder so ein Moment, den ich mir oft vorgestellt habe, den ich so oft gedacht habe. Jetzt ist er wahr, jetzt gibt es diesen LKW wirklich und drin sind unsere Sachen. Wir sind da!
Die Männer sind drei jungsche Deutschrussen, einer schlacksig, einer schüchtern, einer ist der Checker. Der öffnet die hinteren Türen vom LKW. Zuerst sehe ich meine Geranie, dann ganz obenauf auf der Ladung unser Bullit. Alles da! Die Geranie blüht noch, die Schwiegermutter trägt sie in den Hausflur und stellt sie auf den Backsteinboden, den lang gewünschten Backsteinboden. Jetzt ist Leben im Haus, das Kennenlernen beginnt. Liebes Haus, das ist Deine erste Blume seit langer Zeit.
Bis zur Decke ist der Wagen voll, die Männer laden routiniert aus, tragen alles in den grossen Raum im Erdgeschoss. Links stellen wir die Küchen- und Kinderzimmersachen hin, rechts Ess- und Schlafzimmer. Damit wir in den kommenden Wochen auch Zeug wiederfinden. Draussen beobachtet Martha das Ausladen aus dem Kofferraum von Opas Auto und begrüsst jedes bekannte Stück freudig: Ihr Gartenstuhl, ihr Roller, Papas Fahrrad, das Sofa. Es ist grau, es nieselt, es ist kalt. Und wir freuen uns.
Drinnen steht der Schlacksige mit einer Kiste da: Wo die hin soll? Estrich steht drauf. Wie blöd von mir, dachte ich schon in Zürich, als ich das draufschrieb. Kurz vorm Integriertsein. Trotzdem hab ich's draufgeschrieben. Als ich dem Schlacksigen erkläre, dass das Dachboden heisst, muss er lachen. Komisch, dieses Schweizerdeutsch. Estrich ist doch sowas wie Beton. Komisch, wirklich.
Als alles abgeladen ist und verstaut und der Möbelwagen wieder weg schaue ich alles an und denke: Wie klein alles hier wirkt. In Zürich war ein Umzugskarton im Flur riesengross, hier ist er winzig - und unser ganzes Umzugsgut nimmt gerade mal ein Viertel des Hauses ein und ist auch dort noch lose verteilt. Wahnsinn.
Zurück bei den Schwiegereltern will ich eigentlich nur eines: Wieder ins Haus, das Haus mit unseren Dingen bekannt machen, dort sein. Aber daran ist noch nicht zu denken, wir haben im Moment weder Strom noch Wasser und schon gar keine Heizung. Nachts träume ich, wir hätten gar nicht alles eingepackt, in einem Wohnzimmer und einem Dachboden - die beide nicht zu unserer Wohnung gehören - lagern noch Unmengen von Vasen, Büchern und Kinderspielzeug, das wir noch verpacken und irgendwie von Zürich hierher kriegen müssen.
Our house is a very very very fine house... Sollten wir doch statt einer vielleicht zwei Katzen anschaffen? Meine Güte, das ist noch lang hin.



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