Donnerstag, 4. Dezember 2014

Neiwärschnitz

Heimatbesuch im Erzgebirge. Um es für alle Unkundigen Unhiesigen klar zu stellen: Der Ort heisst nur im Dialekt wie im Titel, auf dem Ortseingangsschild steht korrekt Neuwürschnitz, gelegen am Flüsschen Würschnitz, rund 20 Kilometer von Chemnitz entfernt, direkt an der A72. Die verkehrsgünstige Lage ist uns aber insofern schnuppe als dass wir mit dem Zug anreisen, weil's bequemer ist und - und damit hat sich die Wahl des Verkehrsmittels ohnehin erledigt - weil wir noch immer kein Auto haben. Wir schlagen uns also mit der Deutschen Bahn von Stendal nach Chemnitz durch, zum vermutlich grössten Regionalbahnhof Europas. Rund zwanzig Gleise, aber nur Bummelbahnen. Das perfekte Umfeld für den grossen Auftritt: Wenn man mit zwei kleinen Kindern unterwegs ist, die Autobabyschale klemmt per Spanngurt auf dem Maclaren (hehe, schliesslich kommen wir aus Zürich!) und der riesen Koffer lastet als Rucksack auf Mutters Rücken, dann wirkt man für die Mitreisenden schon ein bisschen als Held. Wer mich kennt, der weiss: Ich mag das. 

Und, an dieser Stelle, so ganz unter uns: So kompliziert isses gar nich, man muss sich nur gut organisieren. Und es ist hierzulande noch einfacher als anderswo: Ständig bekommt man Hilfe angeboten und der Gipfel der Hilfsbereitschaft liegt - na wo wohl: In Sachsen. In Chemnitz steigt eine dreiköpfige Reisegruppe mit mir aus dem Zug; wohl die Eltern mit ihrem erwachsenen Sohn, sie kommen via Flughafen Leipzig aus den Ferien in Südostasien zurück. Grosses Durcheinander, jeder hilft jedem mit Koffern und Kindern - und dann hebt man mir ungefragt vor der Nase die Babyschale aus dem Zug, drin das kleine Wichtelchen. Fünf Jahre in der Schweiz machen jetzt, dass ich ziemlich verunsichert nach draussen gucke. Aber keine Panik, es mischen sich hier nur die Gepflogenheiten von Sachsen und Südostasien: Auf dem Bahnsteig stehen fünf Leute im Kreis, einer hält die Babyschale hoch und alle bestaunen den Inhalt. Ein Glück bin ich von hier und mit dem Menschenschlag vertraut, sonst wär ich jetzt wohl schweizerisch diplomatisch ausgerastet.

Überhaupt, die Hilfsbereitschaft und unbedingte Zutraulichkeit, die in der Heimat herrscht. Ich stehe an der Edeka-Kasse im Dorf, das Wichtelchen im Tragtuch, will die Einkäufe im Rucksack verstauen. Die Kassiererin kennt mich nicht und packt doch - natürlich ungefragt - meine Einkäufe in den Rucksack und hilft mir beim Aufsetzen. Wahrscheinlich denkt hier so mancher insgeheim, wer keinen Kinderwagen hat, dem fehlt einfach das Geld dafür. Arme Frau. Maclaren, gell...

Dann noch ein schneller Sprung in die Bäckerei, eigentlich soll es nur ein Spritzring werden, ein heissgeliebter, lang vermisster Spritzring. Aber dann liegt da dieser Kuchen mit Puddingfüllung und Schokoguss. Gleich gibt's Mittag.... Trotzdem: Der Kuchen kommt nicht heile daheim an. Hä, wenn man in Zürich wüsste, wie gut Schokoguss auf Pudding auf Teig sein kann! 





Für meinen grossen Wicht bedeutet die Reise vor allem wohl eines: Verunsicherung. Zu selten waren wir bis jetzt im Erzgebirge, zu kurz waren die Besuche jeweils. Was mir völlig vertraut ist, kennt sie nicht. Mama spricht plötzlich Dialekt. Und das Töchterchen selbst kann nur ein Wort: Neiwärschnitz.  Hat ihr die Omi im Sommer bei einem Besuch in Zürich beigebracht. Trotzdem, was diesen Ort und das Drumherum ausmacht, das ist für das Töchterchen eine grosse Unbekannte. Nicht nur, dass die Omi all diese Küchengeräte hat, die wirklich wunderlich sind: Brotschneidemaschine und Mikrowelle. Und dann sind da eine Menge Leute, die völlig vertraut mit ihr umgehen - da paart sich die natürliche Zutraulichkeit mit familiärer Verbundenheit - und die sie noch nie gesehen hat und deren Namen sie nicht kennt. Mama, sag mal, wer ist das? Mäuschen, das ist Dein Cousin! Und wo ist der Mann, der hier wohnt? Du meinst Onkel Jens? Ui, wir haben viel aufzuholen. 


Auf der Rückfahrt, eine Woche und eine fiese Erkältung später, tut der grosse Wicht kein Auge zu. Ich habe Kopfschmerzen und bin noch immer verschnupft. Alle Mittagsschlafversuche brechen wir ergebnislos ab. Und dann ist sie da wieder, die pragmatische Hilfsbereitschaft. Sie sitzt neben uns, im RE 30 von Magdeburg nach Wittenberge, ist eine Frau von vielleicht fünfzig, die in Magdeburg den verkaufsoffenen Sonntag fürs Geschenkekaufen genutzt hat. Ob sie ein Buch vorlesen soll? Die Wahl meiner Tochter fällt auf "Zottel, Zick und Zwerg", eine Schweizer Berggeschichte von Alois Carigiet. Das Büchlein bekamen wir von einem lieben ehemaligen Kollegen aus meiner Zeit in Schlieren geschenkt. Die Frau liest vor und plötzlich klettern wir in den Bündner Bergen statt im Zug durch die flache Landschaft der Altmark zu flitzen. Die kleine Zuhörerin lehnt sich an den Sitz, schläft fast ein. Kurz nach dem Ende der Geschichte kommen wir in Goldbeck an, steigen aus. Daheim in Iden das Gefühl: Gut, wieder zu Hause zu sein. 




Falls übrigens jemandem auffallen sollte, dass ich sehr viele Doppelpunkte verwende: Ich mag die. Bloss mal so. 



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