Mittwoch, 5. November 2014

Das Gastkind

In Sachsen-Anhalt hat jedes Kind von Geburt bis zur sechsten Schulklasse Anspruch auf einen Platz in der Ganztagsbetreuung. Die Ausläufer dieser Regelung erstrecken sich sogar auf Kinder, die gar nicht dauerhaft vor Ort wohnen, sondern nur vorübergehend: In Iden, dem Dorf der Schwiegereltern dürfen sogar Kinder in den Kindergarten, die nur zu Besuch sind. Kurz und gut, gleich am ersten Tag unseres Aufenthaltes erfuhr der Schwiegervater, dass unsere Große als Gastkind willkommen wäre. 10 Tage im Monat darf sie dort sein, wenn sie und wir das wollen sollten sogar ganztags. Ab sofort. Die ausserfamiliäre Kinderbetreuung handhabt man hier nach wie vor äusserst selbstverständlich und pragmatisch - deswegen aber nicht weniger liebevoll. Aber man macht kein riesiges Aufhebens daraus, dass ein Kind seinen Tag auch mit anderen als nur mit den Eltern verbringt. 

Also los zur Kindergartenbesichtigung. Formulieren wir das Ergebnis positiv: Mit dem Kindergarten hat sich der Architekt wirklich irgendwie Mühe gegeben. Alle vier Gruppenräume hat er nach Süden ausgerichtet, das Büro und einer der Waschräume dagegen nach Norden. Blöd nur, dass es von der südlichen Kindergarten- bis zur nördlichen Dorfgastättenfassade nur gute drei Meter sind und die Räume folglich - sagen wir es freundlich - etwas dunkel wirken. Mein spontaner Gedanke: Oh Du gelobtes Schweizer Wettbewerbswesen... Manchmal macht es schon Sinn, wenn bei der Entscheidung ein paar mehr Leute mitreden dürfen. 




Nun geht die große Tochter also jede Woche für zwei Tage hier in den Kindergarten, für je vier Stunden. Es gefällt ihr, sie hat Spaß daran und fragt, ob sie künftig öfter hin darf - oder länger. Aber eine Ganztagsbetreuung von morgens sieben bis abends halb sechs muss ja nun im Moment nicht unbedingt sein, soviel Schweiz steckt uns auf alle Fälle in den Knochen. Jedenfalls ist es auch fast die einzige Möglichkeit, andere Kinder zum Spielen zu haben: Alle Kinder aus dem Dorf sind dort, keines bleibt daheim. 

Das Frühstück muss sie selbst mitbringen und ich hoffe, sie ist nicht das einzige Kind ohne Fruchtzwerge in der Tasche. Der Essensplan für mittags liest sich wie das Schulküchenessen zu meiner Zeit: Senfeier, Milchreis, gebratene Jagdwurst mit Nudeln und Tomatensauce. Naja, seit 1987 sind Vollkornnudeln dazugekommen. Wenigstens gibts montags keinen Eintopf, wie es sich bei mir als Trauma festgesetzt hat. Noch heute denke ich zuerst an Schulküche und Montag, wenn ich das Wort "Eintopf" höre. 

Jedenfalls ist sie sehr stolz, dass sie jetzt schon mit drei Jahren in den Kindergarten darf; in Zürich hätte sie noch zwei Jahre länger in die Krippe gehen müssen. Jaja, sie sind eben doch irgendwie ganz schön schnell, diese Deutschen.

Für mich selbst gibt dieser Kindergarten das heimelige Gefühl, meiner Tochter irgendwie auch einen Teil unserer Lebensgeschichte mit auf den Weg geben zu können. Dieser Gedanke kam mir durch ein Wandbild im Eingang. Es liesse sich mit dem Titel "Die Kinder der Welt" benennen. Tatsächlich hat es wohl keinen wirklichen Titel, es wurde vor vielen Jahren von einer künstlerisch sehr begabten Dorfbewohnerin gefertigt. Heute würde es wahrscheinlich nicht mehr als politisch korrekt durchgehen, zu stereotyp sind die Bilder. Ursprünglich hing es im alten Kindergarten des Dorfes und ich muss meinen Mann bei Gelegenheit fragen, ob er sich daran erinnern kann. Als Vierjährige hörte ich im Kindergarten oft vom Leben der Kindern in anderen Ländern - ob sie Hunger litten, schon arbeiten mussten oder ihre Eltern als politisch Verfolgte im Gefängnis saßen. (Dabei wurde natürlich geflissentlich verschwiegen, dass es Letzteres auch in unserem unmittelbaren Umfeld gab und genauso unrecht war wie im Falle der Kinder, für die wir Mitleid aufbringen sollten.) Trotzdem: Man hat uns damals beigebracht, auch die anderen zu sehen - und dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass es uns gut geht und dass wir uns darüber freuen können. Vielleicht hat sich - zusammen mit dem Wandbild - etwas von diesen Erzählungen und von diesem Denken erhalten. 








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