Im Nachtzug nach Berlin schlafen die Kinder schlecht und wir selber noch schlechter. In meinem Kopf laufen die vielen großen Gedanken immer wie an einem Billardtisch an die Bande. Um 7 Uhr 19 soll der Zug in Berlin sein. Nach einer furchtbaren Nacht mit wirklich wenig Schlaf weckt mich das Handy um
Kurz und gut: Nachts plagten den Zug "technische Probleme" (genauer wollte die Zugbegleiterin sich nicht ausdrücken) und wir kommen schlussendlich mit 80 Minuten Verspätung in Berlin an. Bis zum nächsten Zug nach Stendal knapp zwei Stunden Wartezeit. Also in eine Bäckerei vor dem Hauptbahnhof. Wir bestellen zwei Kaffee, belegte Brötchen und eine warme Milch. Hattse leider nich, sagt die Bäckereifachverkäuferin. Und die aus der H-Milch-Packung, die für den Cappuchino? Darfse nich, sagt die Bäckereifachverkäuferin. Weil jibbs keene Position in der Kasse dafür, kannse nich drücken. Hmm. Das ist das Töchterchen nicht gewohnt und ein müdes Kind kann sehr oft und sehr lange sagen, was es möchte. Unseres zumal. Wir sitzen am Tisch, da kommt die Bäckereifachverkäuferin mit einem Becher Milch hinter der Theke vor, stellt ihn hin und sagt: Ach, ick weeß doch, wie dis is. Bin doch ooch Mutti. Und dann streicht sie dem quengelnden Töchterchen über die ungekämmten Locken. Ach, denk ich, willkommen daheim.
Am Bahnhof in Stendal begrüssen uns die Schwiegereltern mit roten Rosen. Für die nächsten Wochen wohnen wir bei ihnen in ihrem Häuschen in Iden auf der westlichen Elbseite; von hier aus lässt sich der Start in Havelberg leichter organisieren: Wohnungssuche für die Übergangszeit, Kontakte knüpfen, ein Auto kaufen, Behördengänge erledigen.
Nachmittags Notartermin. Das Ergebnis: Der Kaufvertrag fürs Haus ist unterschrieben, jetzt gehen die Dinge bis zur Schlüsselübergabe ihren Gang. Kurze Stippvisite am Haus, der Apfelbaum im Garten trug diesen Herbst reichlich. Süsse Sorte, nix zum Lagern, aber gut zum gleich essen. Bei der Rückfahrt nach Iden setzen wir mit der Fähre in Räbel wieder über die Elbe. Die Bäume in den herrlichsten Herbstfarben, die Sonne als oranger Ball hinter den Pappeln vor Werben. Danke, Altmark, für diese Begrüssung.
Jetzt gewöhnen wir uns Tag für Tag, Ding für Ding, Ablauf für Ablauf wieder an das, was Heimat war und Heimat werden soll. Komisch, eigentlich gehören wir ja dazu. Nur waren wir so lange weg. Sag ich den Leuten, dass wir aus Zürich hierher zurück kommen, verändert das gleich ihre Haltung: Bauch rein, Brust raus. Grade stehen. "Zürich", so denken die Leute hier, ist von A bis Z reich und edel, irgendwie so Prada und Gucci, so Porsche und Champagner, und zwar 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Die hiesigen empfinden sich als anders; nicht alle gleich, aber irgendwie anders. Jedenfalls weniger reich und edel. Nicht grade bettelarm, aber nun wirklich auch nicht reich, irgendwie anders eben. Bloß - dieser Gedanke steht manchem auf die Stirn geschrieben - wie soll man denn auf diese Leute aus dem ach so edlen, eleganten Zürich reagieren, wie mit denen umgehen? "Wär' schön, wenn sich die Altmark künftig auch selber mag", sagte der gummibestiefelte Nachbar im Garten heut zu mir und stützte sich dabei auf den Spaten. Bin am Überlegen, ob ich künftig nicht einfach sage, wir kämen aus dem ländlichen Süddeutschland in die Altmark zurück.
Oder ist das alles nur in meinem Kopf?

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