Jeden Tag passiert so viel, dass ich einfach nicht dazu komme, alles aufzuschreiben. Und während ich etwas aufschreibe, passiert nichts - oder nicht so viel. Kann man so also kurz die Zeit anhalten, ohne dass man hinterher wieder endlos Dinge aufholen muss?
Egal, gestern rollte mal wieder ein LKW auf den Hof - oder zumindest fast. Denn das Tor ist immernoch nicht breiter und so passte grad so die Schuttmulde alleine durch. Eine Teilschuld an den engen Verhältnissen trägt die historische Strassenlampe, die am Nachbarhaus befestigt ist. An ihr scheitern die Einfahrtversuche grösserer Fahrzeuge regelmässig. Havelberg hat übrigens noch viele dieser Lampen; von der Küche aus schauen wir auch auf eine.
Nach einem Tag ist die Mulde jetzt fast voll - obwohl fast zwischenraumfrei gefüllt dank F.'s Augenmass. Der Inhalt: rund 100 Quadratmeter 70er-Jahre Deckenverkleidungen aus dem EG (Sprelacart und Pressspanplatten), 70er-Jahre wirklich hässliche Einbauschränke (ebenfalls Pressspanplatten), 90er-Jahre vollflächig verklebter Nadelfilzfussboden und kleinere Mengen diverser Bauschutt. Wir haben das alles selbst herausgerissen - oder fast selbst: Es ist wirklich unglaublich, wie unerschrocken F.'s Eltern hier zupacken. Sie kommen zweimal die Woche morgens über die Elbe gefahren, haben Arbeitshosen und -handschuhe dabei, heissen Tee, Trockenfrüchte und Kekse. An dieser Stelle: Ein dreifach Hoch auf die beiden!
Beim Abreissen bleibt nicht aus, was alle lang erwartet haben: Wir sehen das Ausmass der Schäden, die das Haus versteckt hält. Hier und da mampft sich der Holzwurm genüsslich an den Balken entlang, da und dort sind Ecken feucht und krumm und schief sind die Wände ohnehin. Und einer von uns beiden sagt dann immer wieder: "Los, komm, wir geben das Haus zurück!" Nein, das meinen wir (noch) nicht ernst (oder nur manchmal ein bisschen). Es tut gut, mit F. zusammen etwas anzupacken und gemeinsam die Ärmel hochzukrempeln. Zusammen an einem Stück Nadelfilzboden zu reissen, eine Schuttmulde zu füllen. Er hat mir ein paar wirklich schöne Arbeitshandschuhe gekauft. Ehrlich: Ich hab mich gefreut. Sehr.
Hier und da kommen neben den gefürchteten Schadstellen auch kleine Freuden ans Licht: Alte Farbanstriche; ein liebliches Lavendel, ein ruhiges Taubenblau wie wir es im Esszimmer in der Saumackerstrasse hatten. Zuletzt schleimte die Palette der Farben im Haus zwischen dem Dunkelbraun des Nadelfilzbodens und einem gar nicht appetitlichen Cappucchinobeige hin und her. Diese kleinen Farbflächen lassen mich ahnen, wie das Haus später sein kann: Ehrliche Farben, die auf weissem Grund leuchten, dazu Sonne und ein laues Lüftchen.
Aber davon, naja, klar, sind wir weit weit weg. Heute vormittag waren wir beim Bürgermeister, der uns in seiner Stadt herzlich willkommen hieß und wohl auch bereit ist, uns nach besten Möglichkeiten zu unterstützen. Und er hat uns Mut gemacht: Bislang hätten hier alle, die sich wirklich persönlich engagiert haben und nicht etwa versucht, von weit weg eine Sanierung anzupacken, die Sache auch hinbekommen. Gut hinbekommen. Und er glaube, wir würden es auch schaffen. Das muss man sich mal denken: Da sitzen wir zwei kleinen Lichter in seinem Büro und er sagt nicht etwa: Was wollt denn Ihr? Sondern: Ihr schafft das! Na, dann versuchen wir mal, ihm das zu glauben.


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